In der aktuellen Folge des Praxisflüsterer Podcasts spricht Christian Henrici erneut mit Gerhard Wittl über ein Thema, das in der Praxisplanung oft unterschätzt wird: Praxisgestaltung. Nach dem ersten Gespräch über Raumwirkung und Design (Der Raum spricht, bevor der Arzt es tut — mit Gerhard Wittl) geht es diesmal tiefer in die konkrete Umsetzung mit einem klaren Fokus auf zwei zentrale Ansätze: Minimalismus und Hospitality Design.
Was schnell deutlich wird: Die meisten Praxen treffen ihre wichtigsten Designentscheidungen viel zu spät.
Praxisgestaltung kommt oft zu spät und das hat Folgen
Der typische Ablauf in der Praxisgründung ist klar strukturiert. Zuerst kommen Businessplan, Finanzierung, Geräte, Software und Abläufe. Die Praxisgestaltung folgt ganz am Ende — wenn überhaupt.
Genau das beschreibt auch Gerhard Wittl sehr deutlich. Der Fokus liegt zunächst auf Funktion, Effizienz und Technik. Die Frage, wie ein Raum wirkt und was er beim Patienten auslöst, wird oft erst gestellt, wenn die meisten Entscheidungen längst gefallen sind.
Das Problem daran ist offensichtlich: Die Innenarchitektur bleibt oft am längsten bestehen. Sie prägt den ersten Eindruck, beeinflusst das Verhalten von Patienten, Patientinnen und Mitarbeitenden und lässt sich später nur mit hohem Aufwand verändern.
Wer hier zu spät ansetzt, verschenkt enormes Potenzial.
Minimalismus in der Praxisgestaltung: Klar, sauber, aber oft austauschbar
Minimalismus ist im medizinischen Bereich weit verbreitet. Die Logik dahinter ist nachvollziehbar: reduzierte Formen, klare Linien, saubere Flächen. Alles wirkt strukturiert, hygienisch und professionell.
Gerhard Wittl beschreibt Minimalismus als konsequente Reduktion auf Funktion. Alles, was keinen direkten Zweck erfüllt, wird hinterfragt oder entfernt.
Das kann sehr gut funktionieren, wenn es richtig gemacht ist.
Denn genau hier liegt das Problem. Minimalistische Räume wirken schnell leer, kühl oder unfertig. Sie verlieren an Orientierung, an Persönlichkeit und an emotionaler Wirkung. Viele Praxen sehen dadurch austauschbar aus.
Ein weiterer Punkt: Minimalismus wird oft mit „weniger Aufwand“ verwechselt. In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall. Je reduzierter ein Raum ist, desto präziser müssen Details, Proportionen und Materialien gewählt sein. Kleine Fehler fallen sofort auf.
Warum Räume mehr leisten müssen als nur funktionieren
Ein zentraler Gedanke aus dem Gespräch ist die Rolle des Patienten, der Patientin.
Wer eine Zahnarztpraxis betritt, ist angespannt. Unsicherheit, Kontrolle abgeben, mögliche Schmerzen — all das spielt im Hintergrund eine Rolle. Der Raum ist damit nicht neutral, sondern Teil der Erfahrung.
Gerhard Wittl bringt es klar auf den Punkt: Der Raum sollte „mit behandeln“ oder zumindest dazu beitragen, dass Vertrauen entsteht.
Genau hier stößt reiner Minimalismus an seine Grenzen. Funktion allein reicht nicht aus, um emotionale Sicherheit zu schaffen.
Raumgestaltung nach dem Hospitality Design: Räume, die wirken
Im Gegensatz dazu steht das Hospitality Design. Hier geht es nicht nur um Gestaltung, sondern um Erleben.
Der zentrale Unterschied: Man gestaltet nicht einzelne Räume, sondern eine Geschichte.
Gerhard Wittl beschreibt, dass Menschen sich selten an Details erinnern, sondern an das Gefühl, das ein Raum hinterlässt.
Genau dieses Gefühl wird im Hospitality Design bewusst gestaltet. Materialien, Licht, Farben, Wegeführung und sogar Gerüche können Teil dieses Gesamterlebnisses sein.
Ein Beispiel aus der Episode zeigt das sehr anschaulich: Eine Praxis wird so gestaltet, dass sie sich wie ein Aufenthalt an einem kleinen Hafen anfühlt. Der Empfang wird zum „Ankommen“, der Wartebereich zum ruhigen Ort mit Blick aufs Wasser, Licht und Materialien unterstützen diese Stimmung konsequent.
Das Ergebnis ist kein dekorierter Raum, sondern ein durchdachtes Erlebnis.
Der größte Unterschied: Konsequenz
Der entscheidende Punkt liegt nicht im Stil selbst, sondern in der Umsetzung.
Minimalismus scheitert oft daran, dass er nicht konsequent durchdacht ist. Hospitality Design funktioniert nur, wenn die Idee wirklich durchgezogen wird.
Gerhard Wittl beschreibt, dass viele Praxen versuchen, einzelne Elemente zu übernehmen — etwa Pflanzen oder warme Materialien — ohne das Gesamtkonzept zu verstehen. Das Ergebnis wirkt dann beliebig.
Gute Gestaltung entsteht nicht durch einzelne Maßnahmen, sondern durch ein klares Konzept, das sich durch alle Bereiche zieht.
Mischung statt Entweder-oder
Ein wichtiger Punkt aus dem Gespräch: Die beiden Ansätze schließen sich nicht aus.
In der Praxis entstehen meist Mischformen. Behandlungsräume bleiben eher reduziert und funktional, während Empfang und Wartebereich stärker emotional gestaltet werden.
Diese Kombination ist nicht nur sinnvoll, sondern notwendig. Jeder Raum hat eine andere Funktion und sollte entsprechend gestaltet werden.
Entscheidend ist, dass diese Übergänge bewusst gestaltet werden und nicht zufällig entstehen.
Fazit: Guten Praxisgestaltung ist kein Nebenthema
Die Episode macht deutlich, dass Praxisgestaltung kein Nebenthema ist.
Wer sich nur auf Funktion und Technik konzentriert, verpasst die Chance, Räume bewusst zu nutzen. Gleichzeitig reicht es nicht, einfach „schöner“ zu gestalten. Es braucht ein klares Konzept und die Bereitschaft, sich mit der eigenen Wirkung auseinanderzusetzen.
Oder anders gesagt:
Ein guter Raum funktioniert nicht nur, er fühlt sich richtig an.
Und genau das entscheidet am Ende darüber, wie Patienten und Patientinnen eine Praxis erleben.
Hören Sie die vollständige Episode im Praxisflüsterer-Podcast, verfügbar auf allen gängigen Podcast-Plattformen.
Hier geht’s zum ersten Teil des Gesprächs: Der Raum spricht, bevor der Arzt es tut — mit Gerhard Wittl
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